Erfahrungsbericht Emlid Reach RS+ GNSS Empfänger (Geodäsie/Vermessung)

Uli_, Sonntag, 27.09.2020, 12:06 (vor 34 Tagen) @ Ho!ger

Hallo zusammen!

Gerne möchte ich auf die Nachfrage von Ho!ger (in einem anderen Thread) meine Erfahrungen mit den Reach RS+ GNSS Empfängern von Emlid schildern.

Das Modell Reach RS+ kostet als Paar etwa 1600,- Euro, was verglichen mit den professionellen Empfängern natürlich äußerst günstig ist. Allerdings handelt es sich hierbei um Einfrequenzempfänger. Die erzielbare Genauigkeit muss dabei nicht unbedingt schlechter sein als bei Mehrfrequenzempfängern soweit ich das verstanden habe, die Zeit zur Berechnung der Fix Lösung ist jedoch deutlich länger. Unter guten Bedingungen liegt sie aber meistens unter einer Minute, was für mich vollkommen akzeptabel ist. Mittlerweile gibt es auch einen Mehrfrequenzempfänger von Emlid, das Modell Reach RS2, leider auch zu einem deutlich höheren Preis. Was den Kundenservice angeht, muss ich die Firma wirklich loben. Alle Fragen und Probleme wurden schnell und korrekt bearbeitet in einwandfreiem Englisch. Die Dokumentation der Produkte ist umfangreich und verständlich.

Einen der Empfänger habe ich bei mir auf dem Dach montiert, er dient nun als meine persönliche GNSS-Referenzstation:

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Ich habe die Position der Basis insgesamt zehn mal mit SAPOS HEPS eingemessen zu unterschiedlichen Tageszeiten mit wechselnden Satellitenkonstellationen. Die Positionen verteilen sich folgendermaßen (Ansicht aller drei Raumachsen):

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Die größte horizontale Abweichung beträgt gerade mal 11 mm, vertikal sogar weniger. Es ist kein Ausreißer dabei. Ich habe die zehn Positionen dann einfach gemittelt (blaues Kreuz) und verwende das Ergebnis als fixe Position für meine Basis. Als Laie kommt mir das schon wahnsinnig genau vor. Ich bin wirklich erstaunt, was mit so günstigen Empfängern möglich ist. Die Korrekturdaten sendet die Basis nun per LoRa an den baugleichen Rover, mit welchem ich Vermessungen im Garten durchführe ohne fortan SAPOS nutzen zu müssen.

Als ich neulich sonntags ein paar Übungs-Vermessungen an einer Kirche durchgeführt habe, kam ein Mann und stellte sich als „Kollege“ bei mir vor. Er war ganz neugierig wegen der GNSS Empfänger und wunderte sich, dass ich am Wochenende "arbeitete". Es stellte sich heraus, dass er ein Vermessungsingenieur der Stadt Karlsruhe ist und berichtete, dass die Messtrupps sich dort immer um die wenigen GNSS-Empfänger streiten müssen und keine neuen angeschafft werden aufgrund der hohen Kosten. Er bekam ganz große Ohren als ich ihm berichtete, wie günstig diese Emlid Geräte sind und ich diese nur aus privatem Interesse benutze. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob die Qualität ausreichend ist für Kataster-Vermessungen.

Im übrigen verwende ich die GNSS Empfänger um mit TopSurf 8.2.3 eine Stationierung meiner Totalstation durchzuführen:

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Leider ist es jedoch so, dass die Geräte (Emlid -> Topcon) nicht miteinander reden, alle Versuche die Position per Bluetooth an den Feldrechner zu übertragen sind gescheitert. Das heißt, um die Position des GNSS Empfängers in die TopSurf Software zu bekommen, musste ich die Länge, Breite und Höhe abschreiben, im UTM umrechnen und dann händisch in den Feldrechner eintippen. Dieser Vorgang hat sich als äußerst umständlich, fehlerträchtig und langsam herausgestellt.

Nun habe ich es allerdings hinbekommen, eine kleine Windows-CE Software für den Feldrechner zu entwickeln, welche eine Bluetooth Verbindung zum GNSS Empfänger herstellt, die Koordinaten in Echtzeit empfängt, in UTM umrechnet und über einen beliebigen Zeitraum mitteln kann.

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Die Koordinaten können dann auch direkt an TopSURV übergeben werden zum Beispiel für eine freie Stationierung. Die Software ist übrigens Open Source und kostenlos, sie kann hier runtergeladen werden:

ReachConnectCE

Im Emlid Forum habe ich gelesen, dass es jemand ohne Zusatzsoftware hinbekommen hat eine Bluetooth-Verbindung herzustellen zwischen Reach RS+ und einem Feldrechner, auf welchem SurvCE läuft.

Mein Grundstück, welches ich vermessen möchte, liegt am Hang und große Bäume und Gebäude schränken die Satellitensichtbarkeit ein, Multi-Path-Probleme sind nicht unwahrscheinlich. Aus diesem Grund messe ich Festpunkte nicht direkt mit dem GNSS Rover, sondern benutze ihn nur an einer freien Stelle um meine Totalstation mit einem Prisma frei zu stationieren. So kann ich dann auch problemlos unter Bäumen und nah am Gebäude weiterarbeiten.

Mittlerweile gehe ich noch einen Schritt weiter und erfasse das Grundstück per Fotogrammetrie. Es reicht dann aus, nur vier Ground-Control-Points (GCPs) mit der Totalstation einzumessen. Mit diesen Koordinaten kann ich die Punktwolke georeferenzieren und dann in einer Architekur-Software weiterverarbeiten.

@Ho!ger: Ich hoffe, das gibt dir mal einen groben Überblick, gerne kann ich auch noch konkrete Fragen zum Reach RS+ beantworten.

Uli


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